Der Manhattan-Effekt: „Hab ein bisschen Vertrauen“

„Soll ich ins Ausland reisen, um meine Karriere zu fördern, oder bleibe ich bei meinem Partner?“ Eine Frage, die Beziehungen zerstören und für unglückliche Jahre sorgen kann. Ihr liegt der sogenannte Manhattan-Effekt zugrunde.

„Manhattan“

Wir schreiben das Jahr 1979: Der New Yorker Autor Isaac ist unzufrieden mit der Gesamtsituation. Nach zwei gescheiterten Ehen ist er mit der 17-jährigen Tracy zusammen. Diese hat einen Platz an einer prestigeprächtigen britischen Schule in Aussicht. Zunächst ermuntert Isaac sie, diese Chance wahrzunehmen, er sieht auch keine Zukunft in der Beziehung. Eine Trennung und eine Affäre später im Film, kehrt Isaac zu Tracy zurück und fleht sie an, nicht zu verreisen. So geschieht es zumindest im Woody-Allen-Film „Manhattan“. Der nach diesem Szenario benannte Manhattan-Effekt ist also recht simpel erklärt. Zwei Menschen sind in einer Beziehung, einer der beiden erhält das „Angebot seines/ihres Lebens“, müsste dafür aber die Last einer Fernbeziehung auf das Paar legen. Wie würde er oder sie sich entscheiden?

Beziehung oder Entwicklung?

So einfach der Manhattan-Effekt erklärt ist, so schwerwiegend sind die moralischen und zwischenmenschlichen Implikationen. Die eingangs gestellte Frage entscheidet nämlich sowohl über das Zusammenleben der beiden Partner als auch über die beiden individuellen Lebenswege und Karrierechancen. Grundlegend eröffnet der Manhattan-Effekt eine Gewissensfrage. Hindert einer der Partner den anderen daran, sich zu entfalten und zu entwickeln, indem er ihn oder sie bittet, nicht zu verreisen? Wie wichtig ist ihm oder ihr die Beziehung wirklich?

Der Sinn des Lebens

In der Erweiterung dieser Frage können auch philosophische Fragen aufkommen. Etwa, wie wichtig die Karriere tatsächlich im Leben ist, oder ob nicht vielmehr das Zwischenmenschliche den Kern des Lebens ausmacht. Dass diese Frage – und damit auch der Manhattan-Effekt – in der Bevölkerung durchaus verbreitet ist, zeigte jüngst eine Gruppe von Wissenschaftlern in ihrem Werk „The Manhattan effect: when relationship commitment fails to promote support for partners’ interests“, zu Deutsch etwa „Wenn Beziehungsengagement die Interessen des Partners nicht mehr fördern kann“. Grundsätzlich unterstützen viele Partner die Entscheidungen ihrer Liebsten. Oder genauer: Wenn sie den Eindruck haben, es besteht nur ein geringes Risiko für die Beziehung, ist ihr Wille zur Unterstützung größer. Allerdings schrumpft diese Unterstützung zusehends, wenn bei einem der Partner der Eindruck entsteht, diese Entscheidungen könnten die Beziehung gefährden. Viele Menschen tendieren also dazu, ihre Partner aus Angst um ihre Beziehung in deren Selbstverwirklichung einzuschränken.

Konfuzius statt Manhattan-Effekt

Gefährlich ist daran vor allem eines: Wer sich an Isaac ein Vorbild nimmt und die Entwicklung des Partners verhindert, der geht das Risiko ein, ihn oder sie mittel- bis langfristig von sich wegzutreiben. Schon Konfuzius sagte einst: „Wer ständig glücklich sein will, der muss sich ständig verändern“. Und sind nicht auch Partnerschaften eigentlich dafür da, einander zu ergänzen, sich zusammen weiterzuentwickeln und aneinander zu wachsen?

Manhattan im Job

Dasselbe Prinzip kann übrigens auch am Arbeitsplatz Anwendung finden. Was, wenn der Lieblingskollege eine Beförderung erhält und eine Versetzung folgt? Was, wenn die Kollegin, mit der man sich angefreundet hat, plötzlich den Arbeitsplatz wechselt? „Den Manhattan-Effekt zu kennen hilft daher, Entscheidungen nicht nur aus Angst heraus zu treffen – denn die ist oft ein schlechter Ratgeber“, zitiert Business-Insider dazu die Persönlichkeitspsychologin Fanny Jimenez.

Und wie ging die Geschichte um Isaac und Tracy aus? Ohne zu viel zu verraten: „Hab ein bisschen Vertrauen in die Menschen“.

Titelbild: ©AboutLife/ stock.adobe.com

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