Ping An: Die neue Seidenstraße der Assekuranz?

Der chinesische Versicherungsriese Ping An zählt nach nur 30 Jahren zu den wertvollsten Marken weltweit. Er ist erfolgreicher als jeder andere Wettbewerber im boomenden Heimatmarkt Chinas. Auch über die Grenzen des „Reichs der Mitte“ ist Ping An inzwischen gleichsam zu Vorbild und Konkurrenz geworden. Für europäische Versicherer sieht die Branche inzwischen durchaus eine Herausforderung, wie das Versicherungsjournal berichtete.  Um so mehr stellen sich Fragen: Worin genau bestehen die Erfolgsrezepte von Ping An? Wie hat man all das in so kurzer Zeit geschafft? Und was bedeutet das für den europäischen und den deutschen Versicherungsmarkt? 

Geplante Reformen und Experimente: Startschuss 1988

Begonnen hatte die Geschichte erst im Jahr 1988 in der Sonderwirtschaftszone Shenzhen, als der Chef und Mitgründer Ma Mingzhe das Unternehmen aus der Taufe hob. Die damals für chinesische Verhältnisse revolutionäre Idee dahinter: einen Versicherer als Aktiengesellschaft zu betreiben. Shenzen bot für die ehrgeizigen Pläne den besten Nährboden: die Region wurde durch die Staatsregierung ganz bewusst als Experimentierfeld für wirtschaftliche Reformen und Experimente gefördert, wie die Versicherungswirtschaft heute analysierte. Der Name Ping An war ebenfalls gut gewählt: Aus dem Mandarin übersetzt, bedeutet er so viel wie Ruhe, Frieden oder Sicherheit. 

Aus dem anfangs kleinen Unternehmen ist rund 30 Jahre später ein Imperium geworden: Im Gründungsjahr erwirtschaftete Ping An noch 526.000 Euro Beitragsvolumen. Diese Kennzahl ist bis 2019 auf rund 100 Milliarden Euro gewachsen. Und selbst zu Beginn der Corona-Pandemie wuchs der chinesische Versicherer weiter.  

Ping An: 85,5 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr

In den ersten zehn Monaten des Jahres 2020 erwirtschaftete man 85,5 Milliarden Euro mehr als im Vorjahr. Nach der jüngsten Sigma-Studie wird die chinesische Versicherungsbranche 2021 ein Wachstum von sieben Prozent erzielen – während die Branche im Rest der Welt nur drei Prozent erreichen soll. Ping An hat so sehr an Bedeutung gewonnen, dass es 2019 in der Liste der weltweit wertvollsten Marken auf Platz 29 landete.  

Auch ein Blick auf den Chart der Ping An-Aktie offenbart die Performance des Unternehmens: Der Aufwärtstrend konnte auch in Krisenmonaten der zurückliegenden fünf Jahre nur vorübergehend gedämpft werden. 

Stand: 7. April 2021

Im Jahr 2021 zählt das einst zwölf-Mann-starke Unternehmen laut Versicherungswirtschaft heute 342.500 Mitarbeiter und versichert in seinem wichtigsten Absatzmarkt China jeden siebten Chinesen. 

Das Erfolgsrezept hinter Ping An

Wie ist dieser Aufstieg gelungen? Vor allem technologiebasiert: Der Konzern arbeitet inzwischen komplett in der Cloud und bietet als Plattform vielfältige Anknüpfungspunkte an das digitale und physische Leben der Menschen. Das interaktive Ökosystem geht dabei weit über das eigentliche Versicherungsgeschäft hinaus.  

Wie Versicherungswirtschaft heute analysiert, verfolgte der Konzern zwischen 1995 bis 2003 bereits eine Strategie der Diversifizierung und des Cross-Sellings. In der Praxis: Ping An kaufte zunächst eine Bank und schuf daraus die Ping An Bank. Das neue Geschäftsmodell bestand fortan aus den drei Säulen Versicherung, Banking und Vermögensverwaltung. Darüber hinaus startete der Versicherer auch eine eigene Finanzakademie, um Allrounder auszubilden. Sie sollten in der Lage sein, sowohl Versicherungspolicen zu verkaufen als auch das Vermögen reicher Kunden zu verwalten. Ein Angebot, das perfekt auf die Gesellschaft des neuen, prosperierenden Mittelstands in der aufstrebenden Wirtschaftsnation passte. 

Ein weiterer Erfolgsmotor besteht bis heute in der immer stärkeren Vernetzung unterschiedlicher Dienstleistungen je nach Kundenbedarf. Diese Vernetzung trieb der Gründer Ma Mingzhe persönlich voran und kreierte sein Ökosystem nach seinen Vorstellungen. Seine Philosophie: Technologie soll das Finanzgeschäft aufladen und eine einzigartige Welt schaffen, in der Kunden keinen Wettbewerb mehr nachfragen. Die direkte Verbindung zu den Lebenswelten der Menschen gab Ping An in den vergangenen Jahren den nötigen Rückenwind. Durchaus könnte man das Unternehmen als der erfolgreichste Fintech weltweit bezeichnen. 

Drei Sparten in einer Plattform

Aktuell haben Kunden im Ping An-Ökosystem die Auswahl zwischen den Bereichen „Good Doctor“, „One“ und „Auto Home“. Ersteres bildet mit rund 250 Millionen registrierten Nutzern die größte Telemedizin-Plattform weltweit und vereint nicht nur medizinische Beratung, Arztsuche und Medikamenteninformation, sondern bietet auch eine große Zahl an Ärzten. In den ersten Tagen der Corona-Pandemie in China soll sich die Nachfrage nach der App verzehnfacht haben. An das vergangene Jahr angepasst, bietet Ping An Healthcare inzwischen ein Programm an, das im Fall einer Epidemie automatische Kontrollanrufe absetzt. Den größten Umsatz erwirtschaftet der Konzern hier: im Versicherungsbereich. 

Der zweite Teil des Ökosystems ist als digitaler Allfinanzplaner für das Versicherungs-, Kredit und Wertpapiergeschäft konzipiert. Der dritte Part behandelt – wie der Name schon verrät – alles rund ums Auto: (Gebraucht-)wagenbörse, Kredite und Kfz-Versicherungen. Das Erfolgskonzept von Ping An besteht darin, dass Kunden sich trotz der Monopolstellung und fehlender Alternativen in einem holistischen Sinne gut betreut sehen und das Unternehmen in seiner Bandbreite und den sich ergänzenden Services für sie „gefühlt“ alternativlos wird.  

Der neueste Clou des chinesischen Moguls soll die Vernetzung aller Plattformen voranbringen. „Smart Ökosysteme“ heißt der Ansatz, der mittels Technologien wie Al, Cloudcomputing und Blockchain funktioniert. Innerhalb der kommenden zehn Jahre will das Unternehmen dieses Ziel erreichen.  

Eine Gefahr für den europäischen Versicherungsmarkt?

Bisher liegt der Fokus von Ping An noch vornehmlich auf dem Heimatmarkt. Zum Konzern gehören ebenso eine Klinikplattform mit der Hälfte aller privaten Krankenhäuser in China, der größte private Krankenversicherer des Landes, eine Bonitätsauskunftei sowie das führende chinesische Gebrauchtwagenportal.  

Aber genau darin könnte der größte Effekt für den Europäischen Markt liegen: Viele Entwicklungen könnten in abgewandelter Form auch hier funktionieren. Ping An, so berichteten Medien einheitlich, streckt inzwischen als Investor seine Fühler aus und finanziert mit jährlich hohen Summen digitale Start-Up-Unternehmen: So erhielt der deutsche Fintech-Breeder Finleap über 40 Millionen Euro Risikokapital. Das Berliner Unternehmen bündelte bereits einige Portfolio-Unternehmen im Finanztechnologie- und Insurtech-Bereich wie Clark, Solarisbank und Element. Es ist kein Geheimnis, dass Finleap einen analogen Ansatz zu Ping An mit einem vernetzten Ökosystem plant. Mit Joonko, einem von Ping An finanzierten Vergleichsportal, wagte der asiatische Riese 2018 einen Vorstoß auf den europäischen Markt als Angriff auf Check24. Ein Angriff, der jedoch scheiterte.  

Denken in Ökosystemen ist in der Versicherungswirtschaft angekommen

Das Denken in Ökosystemen und Netzwerken hat indes auch in der hiesigen Versicherungswirtschaft längst Eingang gefunden. In einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung accenture werden als Gründe hierfür vor allem die veränderten Kundenbedürfnisse genannt. „Der Kunde wünscht sich holistische und integrierte Lösungen, die – individuell an seine Lebenswelt angepasst – jederzeit verfügbar sind.“ Die Entwicklung der Industrie von „Spartenstrukturen zu Lebenswelten“ hat, so die Studie, bereits längst begonnen. Themenwelten wie Gesundheit und Fitness, Mobilität und Reisen, Familie und Community oder Beruf und Karriere werden zunehmend in kombinierten oder ganzheitlichen Produktantworten zusammengefasst und brechen die tradierten Spartenstrukturen auf. Die Digitalisierung liefert hierzu auch systemisch den passenden Nährboden.  

Die Zusammenarbeit von Ping An mit Inkubatoren in Europa mag indes damit zusammenhängen, dass der hiesige Datenschutz eine direkte Expansion in den deutschen Markt zumindest vor Hürden stellen dürfte: Die DSGVO lässt es nicht ansatzweise zu, Daten in dem Maße auszuwerten, wie es im Heimatmarkt China üblich ist.  

Gleichwohl ist nicht zu übersehen, dass Ping An sich anschickt, auch als globaler Player deutlich stärker in Aktion zu treten. Auf den deutschen oder euopäischen Markt dürfte der größte Einfluss schon heute darin bestehen, dass auch die deutsche und europäische Versicherungswirtschaft Ökosysteme zunehmend für sich entdeckt. Nicht ohne Grund waren sie das beherrschende Thema bereits im Rahmen der DIA 2019 in München, einem der größten Insurtech-Kongresse weltweit. Und was soll man sagen: Schon im Vorjahr 2018 war einer der Keynote-Speaker auf der DIA ein gewisser Jonathan Larsen – seines Zeichens Innovationschef im Vorstand von Ping An.  

Titelbild: © imtmphoto / stock.adobe.com

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Brigitte Mellert
Brigitte Mellert
Ihr Journalismus-Studium und ihre Redakteursausbildung zogen sie vor Jahren aus München weg nach Schwaben. Nun, zurück in der neuen alten Heimat, durchforstet sie als Online-Redakteurin die Finanzwelt nach spannenden Geschichten. Dort fündig geworden, verbringt sie ihre Freizeit am liebsten in der Natur auf dem Rad oder beim Wandern in den Bergen.

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